Dokumentation Fortbildungstag 2018 – Systemisches Arbeiten im Blick behalten

langholz jung04.07.18 | In unserem Arbeitsfeld begegnen uns jeden Tag Menschen, die Unterstützung brauchen: Sei es das Kindergartenkind, dass sich noch nicht allein anzieht; sei es der Jugendliche, der nicht mehr bei seinen Eltern lebt; sei es die junge Mutter, die durch eine Beeinträchtigung ihren Alltag nicht immer allein bewältigt. Wir bei der DASI Berlin sind für diese Menschen da, wir unterstützen und helfen ihnen, wir stärken sie bei der Mobilisierung ihre Selbsthilfekräfte und begleiten sie auf ihrem Weg, einen möglichst hohen Grad an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erreichen. Unser Alltag ist aber auch geprägt von Grenzen – Barrieren die unsere Klient*innen uns aufzeigen, aber auch solche, die in uns selber liegen und hier gewachsen sind. 

Um unseren Mitarbeitenden das Werkzeug mitzugeben, diese Hindernisse zu überwinden, veranstaltete die DASI Berlin einen Fortbildungstag zum Thema Systemisches Arbeiten. In den Räumen des Konsortiums der EKBO in Berlin Friedrichshain trafen sich am 22. Juni rund 120 Mitarbeitende, um gemeinsam an verschiedenen Schwerpunkten des Themenkomplexes zu arbeiten.

Begrüßung und Einführung zum Systemischen Blick durch Frau Doris Wietfeldt

wietfeldtAufs herzlichste begrüßten die beiden Geschäftsführer*innen Claudia Langholz und Markus M. Jung alle Teilnehmenden des Fobi-Tages und freuten sich auf einen intensiven und anregenden Tag. „Der systemische Blick“, erinnerte Herr Jung in seiner Einführung, „ist elementar für unsere Arbeit im pädagogischen Bereich. Uns geht es nicht darum, den Fehler im Menschen zu suchen, sondern den Blick darauf zu wenden, welche Aspekte im System Handeln von Menschen beeinflussen.“

Um diesen Blick zu schärfen, wurde die ausbildende Systemikerin und Mediatorin Wietfeldt eingeladen, um mit einem kurzen Vortrag in Erinnerung zu rufen, worum es in der systemischen Arbeit geht. Sie nahm die Teilnehmenden auf eine dynamische kleine Gedankenreise mit: „An uns wird ständig gezogen. Unsere Aufgabe ist es nicht, dem Ziehen nachzugeben, sondern zu schauen, warum zieht derjenige gerade an mir.“ Im Zentrum ihrer Präsentation stand die Verdeutlichung des Bewusstwerdens der Rolle der pädagogischen Fachkraft im System: „Du bist stellvertretend für das System im Raum und an dir wird man sich stellvertretend ein bisschen abkämpfen. Mach Dir bewusst: Was bringst du nonverbal mit in den Raum. Unsere Aufgabe ist es zu schauen, was hat bei dem Menschen uns gegenüber getriggert. Was hat Ohnmacht ausgelöst? Was hat Angst ausgelöst? Was war die Situation davor? Wie bin ich damit umgegangen und wie kommt es, dass ich so damit umgegangen bin. Die Systemiker gehen davon aus, dass man den Menschen nicht verändern kann. Ich kann nur mich selber verändern und damit eine neue Resonanz in den Raum geben.“ Frau Wietfeldts Vortrag unterstrich den Aspekt, der in den anschließenden Workshops immer wieder aufkam: Unsere Rolle als pädagogische Fachkraft liegt klar auf der Seite der Situationsklärung. Es liegt in unseren Händen, das System zu überblicken und mit unseren Betreuten daran zu arbeiten Missverhältnisse gemeinsam zu klären. Wir haben die Instrumente und Methoden, den Menschen zu helfen, die wir in der DASI Berlin betreuen.

„unerhört“

In den Pausen widmeten sich einige Mitarbeitende der Aktion „unerhört“. Zu dieser rief die Diakonie Deutschland Anfang des Jahres auf, um ein Zeichen für die zu setzen, denen sonst keine Stimme gegeben wird. Wir, als DASI Berlin, sehen in unserer Arbeitswelt oftmals auch Menschen an den Rand gedrängt und mit ihren Bedürfnissen nicht mehr gehört. Wir baten unsere Mitarbeitenden deshalb darum, Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Alltag zu sammeln. Diese Episoden wurden an einer Wand gesammelt und bilden den Auftakt für weitere Aktionen unter dem Titel „unerhört“.

Sieben Workshops

Im Anschluss arbeiteten die Mitarbeitenden in einzelnen Workshops an verschiedenen Aspekten weiter.

Sexualpädagogik Kitas

Frau Kramer, Leitung Kita ZwergenlandDie Mitarbeitenden der beiden DASI-Kitas widmeten sich dem Thema frühkindlicher Sexualität mit dem Ziel, ein Sexualpädagogisches Konzept auf den Weg zu bringen. Der Fobi-Tag wurde genutzt, um eine gemeinsame Ebene zu finden und sich fachlich kompetent des Themas anzunehmen. Wir und unsere Erfahrungen sind immer Teil des Systems in dem wir agieren. Sich selber bewusst zu machen, was man mitbringt, war der erste Teil des Workshops. Mit Hilfe eines Selbstreflexionsbogens schauten die Kolleginnen und Kollegen deshalb auf ihre eigene sexuelle Entwicklung. Im Anschluss diskutierten die Kolleg*innen in Kleingruppen darüber, ob ihre persönlichen Erfahrungen Einfluss auf ihren Umgang mit den Kitakindern haben, im Speziellen, wenn es um sexuelle Themen geht. Auch wurde diskutiert, welche pädagogischen Wege man gehen möchte. Der selbstreflektorische Teil fand am Nachmittag seinen Gegenpart in einem Wissensimpuls. Frau Kramer, Leiterin der DASI-Kita Zwergenland vermittelte in ihrem Vortrag einen Überblick über die frühkindliche sexuelle Entwicklung. Im Januar wird weiter an den Themen gearbeitet. In einem Workshop zusammen mit dem Verein Strohhalm, werden sich die Teams intensiv mit Übergriffen und adäquaten Reaktionen beschäftigen. All diese Aspekte fließen in das Konzept. Ist dies verankert, wird es mit den Kitakindern besprochen und thematisch bearbeitet.

Sexualpädagogik Mutter-Kind-Einrichtung

IMG 5573Auch der Bereich der Mutter-Kind-Einrichtungen ist derzeit dabei, ein sexualpädagogisches Konzept zu entwickeln. Viel Fachwissen brachte eine Kollegin aus der Einrichtung MuKiVa mit in den Diskurs. Die Sozialpädagogin macht derzeit eine Ausbildung zur Sexual- und Paartherapeutin und leitete den fachlichen Input des Workshops. Am Nachmittag wurde in zwei Kleingruppen über die Umsetzungsmöglichkeiten gesprochen. Ziel war es, ein Konzept zu entwickeln, welches zusammen mit den Müttern erarbeitet, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen, was sie an ihre Kinder vermitteln und welche Grenzen es gibt. Ebenfalls wurde viel über die eigene Haltung, Neutralität und eine gemeinsame Linie der pädagogischen Fachkräfte diskutiert. Um hier einen Rahmen für den gemeinsamen Austausch und Umgang mit dem Thema Sexualität zu schaffen, wurde eine Planung für das weitere methodische Vorgehen aufgestellt.

Sexualpädagogik: Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

image007Diesem Thema nahmen sich die Mitarbeitenden der Bereiche Betreutes Einzelwohnen, Ambulante Hilfen und Therapeutisch Betreutes Einzelwohnen an. Sexuelle Gewalt ist bisweilen ein Thema, mit dem sich die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit konfrontiert sehen. Hier so zu agieren, dass den Kindern und Jugendlichen gezielt geholfen werden kann, war das Thema des ersten Workshop-Teils. Fachliche Unterstützung erhielten die Teilnehmenden durch Herrn Löffler von den Berliner Jungs. Dieses Projekt setzt sich seit Jahren für die Prävention von sexueller Gewalt an Jungen ein. Gleichzeitig berät der Verein betroffene Jungen und deren Familienangehörige und schult pädagogische Fachkräfte. Herr Löffler ging in seiner Präsentation darauf ein, welche Gruppen von Jungen besonders gefährdet sind und welche Strategien Täter verfolgen, um Kinder und Jugendliche in ein Abhängigkeitsverhältnis zu drängen.

Im zweiten Teil des Workshops ging es um die Täterseite bzw. um Menschen mit pädophiler Neigung. Unterstrichen durch den Film "Unter Pädophilen" ging es darum, die Täterseite zu versachlichen und dieses emotionale Thema aus dem Fokus des Kindesmissbrauchs zu nehmen, mit dem er in der öffentlichen Wahrnehmung unmittelbar verbunden scheint. Die starke Belastung und Einsamkeit, die eine pädophile Neigung auf das Leben ausübt, kamen durch den Film zum Tragen. Für die pädagogischen Fachkräfte ging es in der anschließenden Diskussion darum, den eigenen inneren Widerstand zu reflektieren und sich in ihrer professionellen Rolle zu fragen, wie kann ich in diesen Situationen pädagogisch sinnvoll agieren.

Workshop „Eskalation/Deeskalation“

IMG 5515In keinem Aspekt unserer Arbeit ist es schwieriger den systemischen Blick zu halten, als in einer Eskalation. Ein Kind, das aus dem Gefühl heraus unverstanden zu sein, keinen anderen Ausweg mehr sieht, als auf seine*n Erzieher*in loszugehen, macht es seinen Betreuer*innen schwer, in diesem Moment die nötige Distanz und den Blick aufs Ganze zu behalten. Aus diesem Grunde ist es unerlässlich, sich präventiv Gedanken darüber zu machen, was Konflikte für das System bedeuten. (Ver)störende Verhaltensweisen können hier wichtige Botschaften sein, die man konstruktiv nutzen kann. Denn in jedem Verhalten stecken Ressourcen, die helfen können, die Spannung zwischen System und Mensch abzubauen. Deshalb ging es in dem Workshop „Eskalation/Deeskalation“ auch um das Thema Reframing, also das positive Umdeuten von Verhaltensweisen. Des Weiteren wurden Methoden erarbeitet, wie man destruktive Muster unterbrechen und eine Situation entstören kann. Aber auch darum, den Blick auf sich selber zu wenden und zu schauen, wo sind meine eigenen „roten Knöpfe“ und wie lasse ich mich nicht in einen Konflikt hineinziehen. Im weiteren Verlauf des Workshops wurde an Methoden gearbeitet, wie Kindern und Jugendlichen mit Gewalt und Wut umgehen lernen.

Workshop „Traumapädagogik“

IMG 5496 „Ein Trauma resultiert aus einem Ereignis, das überwältigende Gefühle von Angst und Hilflosigkeit ausgelöst hat, potenziell lebensbedrohlich war und für dessen Verarbeitung keine unterstützenden Menschen, keine Geborgenheit oder Sicherheit da waren. Nach dem Ereignis ist nichts mehr so, wie es vorher war“, so führte Frau Saidykhan (Leitung Jugendwohnen Charlottenburg-Wilmersdorf) die Teilnehmenden in den von ihr geleiteten Workshop. „Wie stark traumatisierend ein Ereignis wirkt, hängt entscheidend davon ab, ob und in welcher Form ein Mensch in seiner Lebensgeschichte aufgefangen wurde und Unterstützung erhalten hat.“ Im weiteren Verlauf erklärte sie die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die darin resultiert, dass traumatisierte Menschen in den Überlebensmodus umschalten und teilweise irrationale Verhaltensmuster an den Tag legen. Frau Saidykhan zeigte hierzu einen kleinen Clip, um dieses „Notfallprogramm“ zu verdeutlichen.

Im Anschluss versuchten die Teilnehmenden zu ergründen, warum der Umgang mit traumatisierten Menschen so energieraubend ist und was hilft, sie zu stabilisieren. Hierbei spielen eine positive Grundhaltung gegenüber den Traumatisierten und vermittelte Erfahrungen, wie Autonomie, Selbstverwirklichung, Zugehörigkeit, Transparenz, etc. eine ausschlaggebende Rolle, um die Person aufzubauen und Rückhalt zu geben. Frau Saidykhan sprach auch davon, dass es „ein guter erster Schritt im Rahmen des Beziehungsaufbaus ist, die Kompetenzen und Vorlieben von traumatisierten Kindern und Jugendlichen kennenzulernen. Darauf sollte man auch immer wieder zurückkommen. So kann man entgegenwirken, dass das problematische Verhalten ständig im Fokus steht.“ Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei allen Teilnehmenden ein weiteres Video, das Frau Saidykhan zeigte. Der Film „Übertragungsphänomene“ von Marianne Herzog verdeutlicht auf sehr anschauliche Weise, wie traumatisierte Menschen in interpersonalen Situationen ihre Gefühlswelt auf andere übertragen. Sie ziehen das Gegenüber in ein Spannungsfeld, in dem sich jeder als „Opfer“, „Täter“ und „Retter“ fühlt, eine Lose-Lose-Situation, die niemanden hilft. Der einzige Ausweg, nicht in diese Spirale hineingezogen zu werden, ist es, vorher die Einladung zu erkennen und diese zu „entstören“, also der Einladung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Frau Herzog nennt es, „den roten Teppich, der vor einen ausgerollt wird, nicht zu betreten.“ Im folgenden Verlauf ging es darum, herauszufinden, was den pädagogischen Fachkräften hilft, mit traumatisierten Menschen zu arbeiten. Zusammen wurden an Methoden zur Selbstfürsorge und -erkundung gearbeitet.

Abschlussevaluation

IMG 5637Am Ende dieses erkenntnisreichen Tages kamen alle Mitarbeitenden zusammen, um gemeinsam über den Tag zu reflektieren und Wünsche für weitere Workshops und Weiterbildungen zu äußern. An zehn Tischen wurde gemeinsam intensiv über die Themen der Workshops und über das systemische Arbeiten diskutiert.

Ein gelungener Fobi-Tag ging zu Ende und wir nehmen für unsere Arbeit viele neue und vertiefende Aspekte mit.

(lg)